Von der Kameralistik zur Doppik

Robert Hahn leitet das Projekt „Doppik in den Kirchengemeinden und Dekanaten“. Mit seinem insgesamt sechsköpfigen Projektteam hat er in den nächsten Jahren die Aufgabe, alle Kirchengemeinden, Gesamtkirchengemeinden und Dekanate in der Diözese auf ein neues Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen – die kirchliche Doppik – umzustellen.

Gleich zu Beginn: Das klingt nach einer Materie für Spezialisten – für wen ist dieses Interview überhaupt interessant?

Grundsätzlich betrifft die Umstellung von der Kameralistik auf die kirchliche Doppik alle, die bisher schon mit dem Thema Haushalt zu tun hatten. Wie tief man in die Doppik „einsteigen“ muss, ist aber auch künftig von der jeweiligen Tätigkeit und Aufgabe abhängig. Ein Kirchengemeinderat sollte für die Beschlussfassung den doppischen Haushaltsplan lesen können. Anders eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter im Finanzbereich eines Verwaltungszentrums: Sie oder er müssen z.B. buchen oder einen Jahresabschluss erstellen können.

Sie sind für das Doppik-Projekt in den Dienst der Diözese eingestiegen. Was haben Sie vorher gemacht und was begeistert Sie am Doppik-Projekt? 

Ich bin Verwaltungsjurist und war in unterschiedlichen Aufgabenfeldern als Referatsleiter im Ministerium für Soziales und Integration in Stuttgart tätig. Ich freue mich, meine dort gewonnenen Erfahrungen für die Diözese Rottenburg-Stuttgart in das Doppik-Projekt einbringen zu können. Zudem glaube ich, dass  mir meine langjährige Erfahrung als ehrenamtlicher Kreisrat, bei der erfolgreichen Umsetzung des Projektziels hilft. Schließlich hoffe ich – auch als Katholik –, dass dieses Projekt dem Kirchengemeinderat und dem Pfarrer bessere Entscheidungsgrundlagen zum vorhandenen Kirchenvermögens an die Hand gibt. 

Warum und wann wird das Rechnungswesen umgestellt, und was ist an der Doppik besser als bei der Kameralistik?

Die bisher auch von Kommunen verwendete Kameralistik folgt dem Muster einer Einnahmen-Ausgaben-Rechnung und hält fest, wofür die Geldmittel ausgegeben werden. Die Kommunen in Baden-Württemberg stellen derzeit auf die doppelte Buchführung – die kommunale Doppik – um. Wir orientieren uns mit der kirchlichen Doppik stark am kommunalen Vorbild und nehmen Anpassungen vor, soweit diese für die kirchlichen Besonderheiten notwendig sind. Mit der kirchlichen Doppik wird zukünftig nicht nur der Geldverbrauch, sondern auch der Werteverzehr des Vermögens transparent und planbar dargestellt. Im Fachjargon spricht man dabei von einem sogenannten Ressourcenverbrauchskonzept, wodurch Wirtschaften zu Lasten künftiger Generationen vermieden wird. Unser Ziel ist es, mit der Umstellung des Rechnungswesens, die Handlungsfähigkeit der Kirchengemeinden, Gesamtkirchengemeinden und Dekanate auch in Zukunft zu erhalten. Derzeit ist die Einführung in drei Phasen im Zeitraum von 2023 bis 2025 geplant. Besuchen Sie doch unseren Internetauftritt projekt-doppik.drs.de. Dort finden Sie weitere Informationen, grafische Darstellungen und beispielhafte Erklärungen.

Die bisherige Einnahmen-Ausgaben-Bilanz war auch für Finanzlaien leicht zu verstehen. Wie lernen Kirchengemeinderatsmitglieder, doppische Unterlagen zu lesen und zu deuten?

Die bisherige kamerale „Bilanz“ (Vermögensrechnung) war insofern leicht zu verstehen, als es sich dabei um eine Gegenüberstellung von Geldvermögen und dessen Bindung für bestimmte Zwecke (freiwillige und Pflichtrücklagen) handelte. Dadurch war sofort ersichtlich, welche Geldmittel für welche Zwecke zur Verfügung standen. Eine Betrachtung des Anlagevermögens und die Frage des Werteverzehrs ist dabei nicht erfolgt. In der neuen doppischen Bilanz werden zukünftig nicht nur Geldmittel, sondern alle Vermögenswerte („Wertespeicher“) dargestellt.

Die Projektstelle wird den Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte die notwendigen Informationen bereitstellen, damit eine gute Haushaltsplanberatung möglich ist. Dies kann beispielsweise durch eine kompakte Darstellung in Form eines Faltblattes geschehen, aber auch durch unsere Homepage. Wir finden es großartig, dass die Kirchengemeinderäte sich in ihrer Freizeit so engagiert für die Gemeinschaft einsetzen; unsere Aufgabe ist es, dabei bestmöglich zu unterstützen.

Wie und wann werden die Mitarbeiter_innen in den Verwaltungszentren und Kirchenpflegen geschult?  

Die Umstellung der Rechnungslegung geht einher mit der Einführung einer neuen Finanzsoftware. Wir werden rechtzeitig vor der Umstellung alle betroffenen Kolleginnen und Kollegen schulen und auf die Umstellung sorgfältig vorbereiten. Dies wird in kollegialer Abstimmung mit der Mitarbeitervertretung und den Leitungen der Verwaltungszentren erfolgen.

Was sind die wichtigsten Aufgaben Ihres Projekts?

Zu einem Projekt gehört einmal eine Projektorganisation. In unserem Fall sind zwei Gremien sehr wichtig: Zum einen die Lenkungsgruppe, die alle relevanten Entscheidungen trifft und die operative Verantwortung des Projekts trägt, und zum anderen die Resonanzgruppe, die als impulsgebendes und beratendes Gremium tätig ist. Beide Gremien werden von Herrn Generalvikar Dr. Stroppel geleitet. Um möglichst alle vom Projekt betroffenen Bereiche abzudecken, sind in diesen Gremien vertreten: Mitglieder des Diözesanrats, der Dekanatsräte, der Kirchengemeinderäte, des Priesterrates, die Leiter der betroffenen Hauptabteilungen und der Stabsstelle Revision des Bischöflichen Ordinariats ebenso wie Leitungen der kirchlichen Verwaltungszentren und Vertreter der DiAG-MAV.

Das Projektteam übernimmt alle inhaltlichen und organisatorischen Aufgaben. Dazu zählen als ganz zentrale Aufgaben zum Beispiel die Schaffung der notwendigen neuen Rechtsgrundlagen (KGO und HKO) und die Auswahl einer geeigneten Finanzsoftware. Wichtiger Bestandteil unseres Auftrags ist auch die Koordination aller Beteiligten. Wir arbeiten eng mit den Hauptabteilungen im Bischöflichen Ordinariat zusammen und beziehen die Praktikerinnen und Praktiker vor Ort in unsere Arbeit ein. Kommunikation und transparentes Arbeiten sind mir sehr wichtig, deshalb berichte ich in regelmäßigen Abständen persönlich zum Beispiel dem Finanzausschuss des Diözesanrats und bei Tagungen der Leitungen der Verwaltungszentren über den Verlauf und den Projektfortschritt.

Zum Webauftritt des Projekts Doppik in den Kirchengemeinden und Dekanaten

Interview zur Finanzierung der Kirchengemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart