Stärkung der Ortskirchen

Mit Blick auf die innerkirchliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern fordert Diözesanratssprecher Dr. Johannes Warmbrunn in seinem Grußwort beim Neujahrsempfang des Bischofs am 6. Januar in Stuttgart ein Überdenken der durch das Kirchenrecht gegebenen Vorgaben sowie eine offene und ehrliche Diskussion.

Diözesanratssprecher Warmbrunn beim Neujahrsempfang der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Neuen Schloss in Stuttgart.

06. Januar 2020.

Grußwort von Dr. Johannes Warmbrunn
Sprecher des Diözesanrats der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Neujahrsempfang am 6. Januar 2020

Sehr geehrter, lieber Bischof Gebhard,

sehr geehrte, liebe Gäste dieses festlichen Neujahrsempfangs!

Herzlichen Dank Ihnen, lieber Bischof Gebhard, für die Einladung zur Feier des Gottesdienstes und zu diesem Neujahrsempfang. Ich überbringe Ihnen am Beginn des neuen Jahres herzliche Segenswünsche des Diözesanrats und aller Mitglieder der Diözese Rottenburg-Stuttgart, auch im Namen von Dekan Paul Magino, dem Sprecher unseres Priesterrats. Gott geleite Sie bei der Erfüllung Ihrer Aufgaben im neuen Jahr, in dem wir Ihnen mit unseren Gedanken und Gebeten nahe sein werden. Herzlich grüße ich Sie alle hier im Neuen Schloss. Ein besonderer Gruß gilt unseren Schwestern und Brüdern in Christus in den evangelischen, orthodoxen und anderen christlichen Kirchen sowie gleichermaßen den Mitgliedern der jüdischen und muslimischen Religionsgemeinschaften.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in unserer Kirche ist von „Umkehr“ und „Erneuerung“ die Rede, von Antworten auf die gegenwärtige Situation, von der Stärkung des christlichen Zeugnisses. All dies soll die gegenwärtige schwere Krise in Deutschland überwinden helfen. Erste Schritte sind getan. Zumindest scheint es zwischen den deutschen Bischöfen und den gewählten Vertretungen der deutschen Katholiken zu einer guten Verständigung über das weitere Vorgehen gekommen zu sein. Ein Fundament der Einigkeit. Das ist, so denke ich, ein ermutigendes Anzeichen.

Aber es steht auch viel auf dem Spiel: Der Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche und die Erkenntnis systemischer Ursachen von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt. Wenn die katholische Kirche den Glauben feiern und verkündigen will, muss sie glaubwürdig sein. Sie muss in unserem Land verlorenes und gefährdetes Vertrauen zurückgewinnen und rechtfertigen. Denn wie sollte es anders möglich sein, das Evangelium, die frohe Botschaft, zu verkünden? Die Erfüllung dieses kirchlichen Auftrags und die Notwendigkeit struktureller Reformen stehen keineswegs zusammenhanglos nebeneinander. Deswegen ist es erforderlich, die Themen Macht und Gewaltenteilung in der Kirche intensiv zu bearbeiten. Der Sendungsauftrag kann nur gemeinsam wahrgenommen werden, in sinnvoll geteilter Macht und Verantwortung.

Was aber heißt das in der Praxis? In unseren Diözesen ist aufgrund des Kirchenrechts das Leitungsamt einer Gemeinde einem Priester vorbehalten. Immer mehr wird jedoch deutlich, dass dieses rechtliche Konstrukt nicht mehr tragfähig ist. Denn in der Realität kann Leitung oft gar nicht mehr wirksam wahrgenommen werden. Die Versuche, immer größere pastorale Räume, wie auch immer sie heißen mögen, zu bilden und gleichzeitig die Ortsgemeinden zu erhalten, führen dieses unlösbare Dilemma deutlich genug vor Augen. Für mich heißt das: Auch in Fragen der Leitung und der Teilhabe an Verantwortung muss ein Weg gefunden werden, mit dem wir uns nicht um die nun einmal gegebenen Realitäten herumdrücken, sondern uns ihnen offen, weitsichtig und konsequent stellen. Und so war es durchaus folgerichtig, dass der Vatikan jüngst in Trier zum Innehalten aufgefordert hat.

An dieser Stelle danke ich Ihnen, lieber Bischof Gebhard, ausdrücklich für Ihre Unterstützung und für Ihr klares Bekenntnis zum Rottenburger Modell. Das hilft uns sehr auf unserem gemeinsamen Weg!

Besondere Bedeutung hat weiterhin die Frage der Beteiligung der Frauen an den Diensten und Ämtern in der Kirche. Hier geht es um mehr als um reine Symbolik. Die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen in der Ämterfrage wirkt weit über unser Land hinaus.

In dieser Frage hat die katholische Kirche als Weltkirche ein besonders hohes Maß an Verantwortung. Wir Menschen sind alle vor Gott gleich und noch so ausgeklügelte Beschwichtigungen als Begründung für ungleiche Behandlungen in der Ämterfrage können nicht wirklich helfen. Als Weltkirche müssten wir ganz anders als bisher vorangehen. Ein wahrlich inspirierender Auftrag bestünde darin, gemeinsam mit der Verkündigung der frohen Botschaft in der Welt geradezu Vorbild für die Gleichbehandlung zu werden. An spürbaren Fortschritten in dieser Frage wird der Erfolg des Wegs unserer Kirche in die Zukunft zu messen sein.

Letztlich geht es immer um das miteinander Leben in guten, konstruktiven, liebevoll gestalteten Beziehungen. Das wollen und müssen wir fördern. Das ist die Kernbotschaft unseres Glaubens. Was hindert uns eigentlich daran, uns mit Menschen zu freuen, wenn sie ihre Beziehung in Liebe gestalten? Und welchen Auftrag haben wir dabei? Uns muss doch daran gelegen sein, mit allen unseren Möglichkeiten dazu beizutragen, ausnahmslos alle Menschen darin zu bestärken, ihre Liebe achtsam und in Treue leben zu können.

In all diesen Zusammenhängen kommen wir um ein Überdenken der Vorgaben des Kirchenrechts nicht herum. Leider ist es keine neue Erfahrung, dass bei Reformbemühungen immer wieder die gleichen Abwehrmechanismen greifen. Zuerst heißt es, das gehe in der Bischofskonferenz nicht. Als nächste Stufe müssen der Vatikan und die Weltkirche herhalten. Es zerreißt uns, so wird eingewandt. Als ob das kontinuierliche Dahinschwinden weniger bedeutsam wäre! Ist eine Erstarrung in Einheitlichkeit die geforderte Qualität, oder nicht doch die lebendige Vielfalt?

Es geht doch um die Verkündigung der frohen Botschaft und um die Würde der Menschen! Muss dann nicht in erster Linie das Kirchenrecht diesen Werten dienen? Keine Angst vor einer lebendigen und vielfältigen Kirche! Wir im Diözesanrat sehen jedenfalls in der Stärkung der Ortskirchen und der ortskirchlichen Entscheidungsbefugnisse einen zentralen und auch erreichbaren Schritt, der in die richtige Richtung führt.

Und es geht auch um die priesterliche Existenz heute. Das kriminelle Versagen einiger Geistlicher hat den gesamten Klerus in Verruf gebracht. Ich meine, wir brauchen Klarheit in zwei Richtungen. Auf der einen Seite darf es keine Schonung, Vertuschung oder Beschönigung geben. Den Tätern ist eindeutig die Verantwortung zuzuordnen und diese Verantwortung darf nicht vergemeinschaftet werden. Auf der anderen Seite muss genauso klar sein: Die Priester, die untadelig und mit hohem Einsatz lebenslang ihren Dienst leisten, haben weiter ungeteilte Anerkennung und Wertschätzung verdient. Ihnen gilt unsere Solidarität. Mit ihnen gemeinsam muss alles getan werden, damit die schrecklichen Vorkommnisse künftig konsequent verhindert werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die nun begonnene geistige und geistliche Auseinandersetzung darf sich nicht in Worthülsen erschöpfen. Wir rechnen mit der von Papst Franziskus zugesagten Unterstützung bei der Suche nach freimütigen Antworten auf die gegenwärtige Situation. Machen wir uns gemeinsam auf diesen Weg! Das ist auf jeden Fall besser, als sich in getrennte Lager aufzuteilen und sich aus der Deckung fruchtlos zu befehden. Führen wir also offen und ehrlich diese Diskussion! Wenn dies gelingt, können wir mit Zuversicht in das neue Jahr gehen. Ich wünsche Ihnen allen, auch im Namen des Diözesanrats, Gottes reichen Segen!

Herzlichen Dank, dass Sie mir zugehört haben.

Ein Video des Neujahrsempfangs sowie Informationen zur Rede des Bischofs finden sie auf der Website der Diözese Rottenburg-Stuttgart.