Alleinerziehende -
Anhörung der Diözesanausschüsse Familie stärken und Soziale Gerechtigkeit

„Individuell wird als Katastrophe erlebt, was die Gesellschaft als normal betrachtet“, umreißt Rosemarie Daumüller vom Landesfamilienrat die Situation Alleinerziehender. Trennung, Verwitwung oder eine ungeplante Schwangerschaft in einer instabilen Partnerschaft seien eben nicht freiwillig gewählt und die Situation mit viel Schmerz verbunden. Daumüller warnt, der „Normalisierungseffekt“, allein auf Grund der hohen Zahlen, dürfe nicht dazu führen, die Arbeit für Alleinerziehende für überflüssig zu erklären. Gerade auch Kirche solle mit unterschiedlichen Angeboten für die Alleinerziehenden da sein.

Die Lage Alleinerziehender und die Handlungsmöglichkeiten des Diözesanrats mit seinen Ausschüssen besser zu verstehen, war das Ziel einer kleinen Anhörung der Diözesanausschüsse Familie stärken und Soziale Gerechtigkeit am 8. Juni im Stuttgart. Gemeinsam mit Fachfrauen – darunter Johanna Rosner-Metzler vom diözesanen Fachbereich Ehe und Familie und Rosemarie Daumüller – sollten die seitherigen Beratungen der beiden Ausschüsse auf den Prüfstand gestellt und neue Perspektiven gewonnen werden.

Konkrete Ansatzpunkte für die Ausschüsse ergaben sich nach einer Informations- und Austauschrunde schnell:

  • Eine genuine Aufgabe für die Kirche könnte der moralische Appell zugunsten der Unterhaltszahlungen sein - beispielsweise in Form einer vom Diözesanrat initiierten, vernetzten Kampagne. Verweigerte Unterhaltszahlungen sind ein deutlicher Armutsfaktor für Ein-Elternteil-Familien. Möglichst wenig oder keinen Unterhalt zu zahlen, ist gesellschaftlich opportun; wer in voller Höhe zahlt, gilt als unbedarft. Die Fachfrauen sehen hier auch einen Zusammenhang mit der Beratungspflicht der Anwälte zugunsten ihrer Mandanten. Moralische Botschaften könnten hierzu ein – auch für die Zahlungspflichtigen – hilfreiches Gegengewicht bilden.
  • Auch politische Arbeit zugunsten einer geringeren Belastung der Niedrigeinkommen könnte der Diözesanrat leisten. Zehn Stunden außer Haus zu verbringen, wie Vollzeitbeschäftigte dies in der Regel tun, ist für alleinerziehende Elternteile mit kleinen oder mit mehreren Kindern schwer leistbar und hinsichtlich der Beziehungspflege zum Kind fragwürdig. Kinderbetreuung allein – bei der es durchaus Flexibilisierungsbedarf gibt – löst das Problem also nicht. Zudem benötigt jede fünfte alleinerziehende Vollzeitbeschäftigte aufstockende Hilfen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Kompensatorische Leistungen seien unumgänglich, so die Fachfrauen. Ob die Befreiung von der Kirchensteuer ein sinnvoller oder zumindest symbolischer Beitrag sein könnte, könnte diskutiert werden.

Einfache umzusetzende Ideen entstanden für den Bereich Kirchengemeinde - beispielsweise:

  • Angebote für Alleinerziehende können auf der Gemeindehomepage verlinkt werden.
  • Die ehrenamtliche Betreuung eines Kindes in der Zeit zwischen Kindergartenschluss und Abholzeit wäre ebenso entlastend für Alleinerziehende wie eine Begleitung oder gelegentliche Ablösung beim oft nervraubenden Zubettbringen des Kindes.
  • Kostengünstige Ferienbetreuung, ein Indoorspielplatz im Gemeindezentrum im Winter oder die Organisation eines Kindersachenbazars sind ebenso hilfreich wie das Angebot einer Bewirtung bei Treffen für Alleinerziehende.
  • Bei Veranstaltungen sollte einerseits zeitlich auf Familien Rücksicht genommen werden – die Uhrzeit eines Erstkommunionelternabends kann Alleinerziehende vor massive Probleme stellen –, andererseits erleichtert Kinderbetreuung die Teilnahme.
  • Auch die Vernetzung verschiedener Akteure im Bereich Familie unter Einziehung Alleinerziehender könnte eine Kirchengemeinde leisten.

Fazit der Beratung: Was für Familien gut ist, ist für Alleinerziehende besonders wertvoll. Und dass die Stärkung ihrer Ressourcen Alleinerziehenden weiter hilft als eine Problematisierung ihrer Situation, darin waren sich die Fachfrauen einig. „Der größte Teil meistert das“, betonte Sigrid Grantner vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter die Kompetenzen und die Leistung der Alleinerziehenden.

Einen speziellen Teufelskreis von Alleinerziehenden beschrieb Maria Schneider-Vega, die in der Schwangeren- und Alleinerziehendenberatung des Sozialdiensts katholischer Frauen (SKF) und in einem Selbsthilfe-Treffpunkt für Alleinerziehende tätig ist. Alleinerziehende versuchten häufig aus einem Schuldgefühl dem Kind gegenüber, den zweiten Elternteil zu ersetzen und besonders gute Mütter oder Väter zu sein und erlebten sich gleichzeitig auf Grund der damit verbundenen Überforderung als Versager. Auch die psychische Wirkung verweigerter Unterhaltszahlungen sei nicht zu unterschätzen. Allein schon auf Grund solcher Problemlagen seien auch spezielle Beratungsstellen für Alleinerziehende notwendig, so Schneider-Vega.

So geht es weiter: Die beiden beteiligten Ausschüsse werden gemäß ihrem jeweiligen Aufgabenbereich dieses Treffen aufarbeiten und die Anliegen in die Sitzung des Diözesanrats im Frühjahr 2014 tragen.