Gedenken erfordert Handeln

Gedenken an Eugen Bolz


Zu Zivilcourage als Zeugnis christlichen Glaubens rief Generalvikar Clemens Stroppel beim Gedenken an den von den Nationalsozialisten hingerichteten Eugen Bolz auf. „Es gibt Gott sei Dank noch Menschen, die den Mut haben, hinzustehen und Entgleisungen beim Namen zu nennen, die unsere Gesellschaft ruinieren und unser aller Würde diskreditieren.“



»Werft eure Zuversicht nicht weg …«
Predigt von Generalvikar Dr. Clemens Stroppel
zum 72. Todestag von Eugen Bolz
23. Januar 2017 – St. Moriz, Rottenburg

Zu seinem 135. Geburtstag am 15. Dezember, …
veranstaltete das Stuttgarter Innenministerium eine Gedenkveranstaltung für Eugen Bolz. Der hauptvortragende Historiker und Politikwissenschaftler Peter Steinbach betonte: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus sei »kein antiquarisch zu bewältigendes, sondern ein politisch-philosophisch, ethisch und moralisch zu durchdenkendes Ereignis«. Widerstand frage nicht nur »›nach den Grenzen und nach den Zielen des Staates, nach der Qualität der Herrscher und der Moralität der Beherrschten‹. Es gehe um gesellschaftliche Anpassung und um Zivilcourage. Letztere«, so der Diktatur- und Widerstandsforscher, »bewähre sich nicht nur im großen Rahmen gegenüber staatlichen Zumutungen, sondern ›im Feld der unmittelbaren Selbstbehauptung, in der Nachbarschaft, im Berufsleben, in der Kirchengemeinde, in der politischen Gemeinde‹«. Widerstand lenke den Blick auf das Recht des Einzelnen auf Selbstentfaltung, aber auch auf seine Verpflichtung, anderen Individuen [gegenüber], die verleumdet, ausgegrenzt und verfolgt werden«.

Widerstand ist kein nur erinnertes Ereignis, …
wenn wir unsere Verantwortung den einzelnen Menschen gegenüber wahrnehmen, die verleumdet, fertig gemacht oder tyrannisiert werden. Ein aktuelles Beispiel? – Die dreifache Oskar-Gewinnerin Meryl Streep fand bei der "Golden Globes"-Verleihung klare Worte: »Respektlosigkeit lädt zu Respektlosigkeit ein, Gewalt animiert zu Gewalt«.

»Wenn die Mächtigen ihre Position benutzen, um andere zu tyrannisieren, dann verlieren wir alle«, sagte sie. Der eindrücklichste Auftritt des Jahres sei für sie nicht in einem Film gewesen, sondern ein Wahlkampfauftritt, bei dem der Kandidat mit zuckenden Armen die Bewegungen eines körperlich behinderten Reporters nachgeäfft habe. »Es hat mein Herz gebrochen, als ich es gesehen habe, und ich kann es noch immer nicht aus meinem Kopf bekommen […]. Dieser Instinkt, andere zu demütigen – und wenn es von jemandem in der Öffentlichkeit vorgemacht wird, von jemand Mächtigem –, sickert in den Alltag ein von uns allen«. Schließlich gebe das anderen Menschen vermeintlich die Erlaubnis, dasselbe zu tun: »Respektlosigkeit lädt zu Respektlosigkeit ein, Gewalt animiert zu Gewalt«.

Ich habe – wie Sie vielleicht auch – diese Szene in der Berichterstattung über den US-Wahlkampf gesehen. Und ich dachte, wenn das Schule macht, sind die respektlos entwürdigenden „Spasti“- und „Mongo“-Schreier auf den Schulhöfen salviert. Wenn solche Missachtung Schule macht, wer darf dann noch krank, alt und gebrechlich werden? Aber es gibt Gott sei Dank noch Menschen, die den Mut haben, hinzustehen und Entgleisungen beim Namen zu nennen, die unsere Gesellschaft ruinieren und unser aller Würde diskreditieren. Was Meryl Streep im Innersten bewog, weiß ich nicht.

Eugen Bolz wurde seit 1942 zum entschieden »Handelnden, …
der sich nicht absicherte durch Autoritäten, sondern sein Gewissen befragte und zur Richtschnur machte, der im Glauben vertraute und schließlich ohne Deckung auf die Beseitigung Hitlers setzte«3.

Die Nazis haben ihn am 19. Juni 1933 vor einer inszeniert „erregten Volksmenge“ in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und mehrere Wochen im Gefängnis Festung Hohenasperg interniert. Sie organisierten den Abtransport des Landtagsabgeordneten und Staatspräsidenten aus dem „Hotel Silber“, der Stuttgarter Gestapo-Zentrale, als stundenlange Schandfahrt. Bestellte Sprechchöre fordern den „Landes-verräter“ aufzuhängen. Bolz wird bespuckt und mit Pferdemist, faulen Eiern und Kohlestücken beworfen.

Darf man unsere Lesung aus dem Hebräerbrief auf ihn beziehen? …
»Ihr seid vor aller Welt beschimpft und gequält worden« (Hebr 10,33). Der unbeugsam an der Substanz eines Verfassungsstaates festhielt, »der sich zur Freiheit, zur Menschenwürde, zur Glaubens- und Meinungsfreiheit, zur Rechtsstaatlichkeit und zur Autonomie von Institutionen, zur Gewaltenteilung bekannte«4, erlitt das Schicksal vieler Mutiger, die eine Tyrannei immer als Gegner identifiziert und zu jeder Zeit gnadenlos verfolgt und ausschaltet.

Die meisten von uns kennen das Bild, das Eugen Bolz vor dem Volksgerichtshof zeigt, der ihn am 21. Dezember 1944 zum Tod verurteilt: Bolz‘ Kontakte zum Widerstandskreis vom 20. Juli werden ihm zum Verhängnis »Für immer ehrlos wird er dafür mit dem Tod bestraft«, mitgetroffen vom Geschick Ungezählter, denen es ebenso erging (vgl. Hebr 10,33).

Eugen Bolz schöpfte seine Kraft, seine Hoffnung und Ruhe …
letztlich aus seinem Glauben. Insofern war für ihn »Politik […] nichts anderes als an-gewandte Religion«5, angewandtes Feststehen auf dem Grund der Hoffnung des christlichen Glaubens, angewandt ausdauerndes Verankertsein in der Hoffnung des gottgehaltenen und Gott und den Menschen gegenüber verantwortlichen Lebens, an-gewandtes Üben der Liebe als unbedingte Achtung vor der bedingungslosen Würde und Freiheit jedes Menschen: »Werft also eure Zuversicht nicht weg« (Hebr 10,35), mag er uns zurufen, die Zuversicht des Glaubens der unbedingten Würdigung des Menschen. »Was ihr braucht, ist Ausdauer« (Hebr 10,36), damit wir nicht zu denen gehören, die zurückweichen und verloren gehen, sondern zu denen, die glauben und das Leben gewinnen« (Hebr 10,39). Nicht nur am Ende, sondern mitten im Leben: im Nicht-Zurückweichen, sondern mutigen Aufstehen und Hinstehen für die ungeschuldete Würde, die Freiheit und das Lebensrecht jedes Menschen.

»Sprechend und handelnd …
schalten wir uns in die Welt der Menschen ein«, zitierte Carolin Emcke in ihrer Dankrede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Hannah Arendt6. »Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt […]. Wir können […] eine andere Erzählung erzählen, eine […], in der jede und jeder relevant ist«.

Interpretieren wir sie zu weit, wenn wir an die große Erzählung der Menschwerdung Gottes denken, die uns Christen stärkster Erweis der unbedingt allen und allem vorausgehenden Würdigung des Menschen ist, die unser Denken, Reden und Handeln zutiefst bestimmen und allen Menschen guten Willens weiter erzählt werden kann und will. Die große Erzählung, in der jede und jeder relevant ist, weil von Gott gewürdigt, der unser Menschsein ganz und gar annimmt. Die große Lebenserzählung für unsere Kinder und Enkel, Nichten und Neffen.

»Freiheit ist nichts, das man besitzt, …
sondern etwas das man tut«, und »Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung«, schließt Carolin Emcke ihre Dankrede. Zu lernen »[i]m Zuhören aufeinander […]. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und in individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen«. »Ist das mühsam?«, fragt die Friedenspreis-trägerin. »Wird es zu Konflikten […] kommen? Wird es manchmal schwer sein, die jeweiligen religiösen Bezüge und die säkulare Grundordnung in eine gerechte Balance zu bringen? Absolut«. Und »Was es dazu braucht?«. »Nicht viel«, meint sie; »etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern«.

Glaube, Hoffnung, Liebe würden wir als Christen sagen, braucht es. Oder: Wenn die Stürme der Meinungsmache gegen „Gutmenschen“, „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ sich erheben und Wellen des Populismus und Hasses ins Boot schlagen, die Zusage unseres Evangeliums nicht vergessen: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr keinen Glauben?« (Mk 4,40).

Eugen Bolz hatte solchen Glauben …
bis in die Stunde des gewaltsamen Todes seiner Hinrichtung. »Leben und Eigentum gelten nicht mehr. Nur die Seele ist unerreichbar für alle äußeren Mächte. Ihr muss unsere ganze Sorge gelten«, schrieb er aus dem KZ Ravensbrück an seine Tochter Mechthild7. Er hat, wie der Hebräerbrief formuliert, den Raub des Vermögens glaubend hingenommen, da er wusste, dass er einen besseren Besitz hat, der ihm bleibt (vgl. Hebr 10,34). Ein wichtiger, vielleicht der entscheidende Horizont des entschiedenen Festhaltens an der Menschenwürde.

Am 23. Januar 1945 wurde Eugen Bolz in Berlin Plötzensee enthauptet: Bewahren wir ihm ein Denkmal des mutigen glaubend, hoffend, liebend mutigen Herzens und des glaubend, hoffend, liebend mutigen Standhaltens gerade auch in unserer Zeit.

Predigt mit Nachweis der Zitate