Vernunft ist zu wenig

Neujahrsgrußwort


Diözesanratssprecher Johannes Warmbrunn hat Bischof Gebhard Fürst die Neujahrswünsche der Katholiken in der Diözese überbracht. Der Enttäuschung vieler, "dass Tatsachen und Wahrheiten auf einmal nicht mehr zu wirken scheinen", hielt er die Möglichkeit entgegen, die positiven Kräfte von Emotionen zu nutzen.



Neujahrsansprache des Bischofs

Bischof Gebhard Fürst hat in seiner Neujahrsansprache, die unter der Überschrift "In Sorge und Zuversicht" stand, Sorge über den Zustand und die Zukunft der Demokratie in Deutschland geäußert. Schwerpunkte seiner Ansprache waren die Konsequenzen der Digitalisierung, die Herausforderungen bei der Integration von Flüchtlingen sowie die Sorge um die Stabilität der europäischen Einheit.

 Zur Neujahrsansprache des Bischofs

Grußwort des Diözesanratssprechers Dr. Johannes Warmbrunn

Sehr geehrter, lieber Bischof Gebhard,
sehr geehrte, liebe Gäste dieses festlichen Neujahrsempfangs!

Neujahrswünsche für den Bischof
Für die Einladung zur Teilnahme am Gottesdienst und am Neujahrsempfang danke ich Ihnen, lieber Bischof Gebhard. Ich überbringe Ihnen zum Jahresbeginn herzliche Glück- und Segenswünsche des Diözesanrats und aller Mitglieder der Diözese Rottenburg-Stuttgart, auch im Namen von Dekan Paul Magino, dem Sprecher unseres Priesterrats. Gottes reicher Segen begleite Sie bei der Erfüllung Ihrer zahlreichen und gewiss nicht einfachen Aufgaben. Mit unseren Gedanken und Gebeten sind wir Ihnen auch in diesem neuen Jahr nahe.

Gruß an die Glaubensgeschwister
Ich grüße unsere Schwestern und Brüder in Christus in den evangelischen, orthodoxen und anderen christlichen Kirchen sowie in den jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften. Ganz besonders freue ich mich darüber, dass wir in den ersten Wochen des Reformationsjubiläums bei verschiedenen Gelegenheiten am Gedenken teilhaben konnten. Für mich ist dabei spürbar geworden, dass wir uns nahe sind und dass Gott uns nahe ist. Ich wünsche mir sehr, dass alle unsere Begegnungen dazu beitragen, diese Nähe weiterhin lebendig werden zu lassen.

Enttäuschung – Emotionen bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs
Im Rückblick auf das vergangene Jahr wurde in unserem Land eine gewisse Enttäuschung spürbar, dass Tatsachen und Wahrheiten auf einmal nicht mehr zu wirken scheinen. Es herrschte wohl die Vorstellung, unsere Welt funktioniere wie eine Maschine. Das Räderwerk bilden Naturgesetze, wissenschaftliche Erkenntnisse und Ordnungen. Eine Maschine, die geschmiert werden muss, damit sie gut läuft, nicht zuletzt mit Geld. Nun aber prägen Emotionen den gesellschaftlichen Diskurs und scheinen diese Maschine lahmzulegen. Wahrheiten gelten nicht mehr, sie werden verschmäht, in großem Stil, ungestraft, ja, die vorsätzliche Missachtung führt sogar zu weltweiten Auswirkungen.

Was Vernunft (nicht) ausrichten kann
Ich meine, dass eines überdeutlich wird: Im Vergleich zu Emotionen sind menschliche Logik und Können viel unbedeutender, als sehr viele das für möglich halten. Wenn es in unserer Wirklichkeit wirklich darauf ankommt, sind Kräfte am Werk, die wir mit unserem Verstand nicht ohne weiteres aufhalten können. Dennoch brauchen wir unsere Konventionen, Rituale, Traditionen. Unsere Vernunft und unsere Fähigkeit, nicht nur im hier und jetzt ungezügelt reagieren zu müssen, sondern vorausschauend und vorsorgend handeln zu können, ist ein ganz besonderes Merkmal unserer menschlichen Existenz. Deswegen sind wir auf gut durchdachte und auch wirksame Regelwerke angewiesen. Wir sollten darüber profunde Diskurse führen, mit denen wir uns verständlich machen können, über unsere Glaubensinhalte und über die im Alltag erwünschten Verhaltensweisen. Das ist ein wesentlicher Kern unseres Auftrags und hier sind wir auch gefordert.

Aber es ist eben nicht genug, bei weitem nicht. Die Menschen sind bewegt, sie lassen sich bewegen durch ihre Emotionen. Emotionen sind nicht nur schlecht, wie manche meinen, und auch nicht nur gut. Emotionen sind vergleichbar mit einem Sturm, der über das Land braust, unaufhaltsam. Er kann Negatives bewirken, aber auch Positives. Ein Sturm zerbricht manches, fegt aber auch Wolken hinweg und macht die Sicht frei. Und so ist es auch mit Emotionen. Wollen wir kompetent damit umgehen, hilft es nicht viel weiter, unseren Regeln immer wieder neue hinzuzufügen. Regeln könnten dann letztlich so wirken „wie Felsblöcke, die … auf das Leben der Menschen“ geworfen werden, wie es Papst Franziskus formuliert hat. Es hilft auch nicht, Grenzen errichten zu wollen. Emotionen lassen sich nicht aufhalten und nicht einfangen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben, nicht erst neuerdings, in dieser Zeit.

Konsequenzen für die Kirche – Heiligkeit und Schönheit Raum geben
Und so kommt es darauf an, dass wir die aus Emotionen hervorgehenden positiven Kräfte stärken. Dazu brauchen wir mehr als den menschlichen Verstand, mehr als das Wort allein. So verstehe ich den „Logos“ aus dem Prolog des Johannesevangeliums. Die Heilige Schrift ist für mein Verständnis vor allem deswegen heilig, weil sie eben nicht nur aus Worten besteht. Heilig wird die Schrift, jede Heilige Schrift, dadurch, dass sie den Blick öffnet ins Weite, uns an die Grenzen führt, an denen wir Gott nahe sind, so nahe wie nur irgend möglich, ohne ihn in unserer irdischen Existenz jemals erreichen zu können. Dort, wo wir das Ganze der Schöpfung erleben, wo uns als Person alles mit allem und mit Gott verbindet. Die Heilige Schrift, jede Heilige Schrift, kann diesen Blick ins Weite ermöglichen. So wie ein Kunstwerk einen Einblick in die Wirklichkeit eines anderen Menschen eröffnen kann und dann Teil eines gemeinsamen Lebens wird, das uns reicher macht, viel reicher, als so manche es für möglich halten.

Deswegen muss unser Glauben weit sein und schön. Wir beklagen, dass sich die Menschen abwenden von unseren Kirchen. Ich meine, dass viele von ihnen enttäuscht sind. Sie sehen zwar das Gute, das wir bewirken, aber das gibt es eben auch woanders. Sie wollen sich keine Belehrungen anhören, wenn sie gleichzeitig unser Versagen erleben und unsere Verstrickungen in kleinliche Spitzfindigkeiten. Die Menschen wollen spüren, dass sie eingebettet sind in ein unermesslich Großes, Gemeinsames. Dass ihr Wirken auf der Erde einen Sinn hat. Dass jedes scheinbar noch so kleine Werk von Gott gewollt und gewünscht ist und Teil seiner ganzen Schöpfung wird.

Emotionen positiv lenken – der Atmosphäre Aufmerksamkeit schenken
Wer kompetent mit Emotionen umgehen will, muss selbst in der Lage sein, gute Emotionen wie ein Kunstwerk zu gestalten. Wer meint, dass der Glaube an das dunkle Nichts, aus dem die Menschen durch Zufall hervorgehen und in das sie wieder nach dem Tod verschwinden, nicht gut genug ist, muss eine bessere Botschaft gestalten und auch verkörpern. Wer meint, dass der Glauben an eine Macht, die Menschen instand setzt, andere zu übervorteilen, ja zu vernichten, nicht zu akzeptieren ist, muss eine bessere Botschaft vermitteln und sie selbst lebendig machen. Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, muss unser Glauben den Blick in das Weite eröffnen. Er muss hell sein, klar und konsequent, dabei großherzig und großmütig, freundlich, offen, liebevoll. Wenn wir diesen Glauben selbst als schön empfinden, können wir diese Schönheit auch weitergeben. Das ist die Freiheit, auf die es ankommt. Die Freiheit, an etwas zu glauben, das ganz und gar schön ist. Diese Freiheit haben wir und diese Freiheit sollten wir uns auch nehmen.


Wie aber den schönen Glauben leben? Es ist das scheinbar Unscheinbare. Das gemeinsame Wirken an einer gedeihlichen Atmosphäre am menschlichen Miteinander. Dialog in seiner eigentlichen, seiner vollkommenen Form. Vor sieben Jahren haben wir Pater Francis D’Sa in Indien kennen gelernt, Bischof Gebhard und eine kleine Gruppe, die ihn begleitet hat. Vor wenigen Wochen konnten wir den 80. Geburtstag von Pater Francis in der katholischen Akademie feiern. Er sagt: „Wenn Sie mit einem Menschen sprechen, dann versuchen Sie bitte, auch das zu verstehen, was er Ihnen sagen will, aber nicht sagen kann.“ So geht Dialog. So wollen wir ihn führen, heute, auch nachher, das ganze Jahr, für immer.

Ich wünsche Ihnen allen Gottes reichen Segen im neuen Jahr!

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