Nicht nur erinnern, sondern Konsequenzen ziehen

In der katholischen Kirche braucht es verbindliche Formen zur Erinnerung an den antijüdischen Terror vom November 1938.

Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Buttenhausen

Das hat der Gesprächskreis "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gefordert, dem auch Diözesanrat Daniel Noa angehört:

Am 9. und 10. November jährt sich zum 80. Mal der antijüdische Terror vom November 1938. Der Novemberterror von 1938 war keine spontane Tat einer Minderheit, sondern wurde vom NS-Staat und der NSDAP von München aus innerhalb von wenigen Stunden gezielt ins Werk gesetzt. An über 1200 Orten im Deutschen Reich brannten die Synagogen, wurden jüdische Friedhöfe geschändet, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und geplündert. Juden und Jüdinnen wurden aus ihren Wohnungen gerissen, verschleppt, deportiert und ermordet. Forscher schätzen die Zahl der Verhafteten inzwischen auf mehr als 30.000, die Zahl der Todesopfer auf bis zu 1500.

Es bleibt zutiefst beschämend und verstörend: Der Terror fand vor aller Augen statt. Tausende nichtjüdische Deutsche sahen, wie Synagogen in Flammen aufgingen, begafften die öffentlichen Demütigungen von Juden, stahlen jüdisches Eigentum. Der Novemberterror 1938 wies der systematischen Vertreibung und dem industriellen Massenmord von Juden und Jüdinnen in Europa durch das nationalsozialistische Deutschland den Weg.

Als Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK haben wir vor 30 Jahren gefragt: Weshalb haben die Bischöfe damals geschwiegen, obwohl sie allein noch hätten öffentlich sprechen können? Weshalb haben die Kirchen das Geschehen seinerzeit nicht deutlicher verurteilt? Warum rüttelte nicht auf, was der selige Dompropst Bernhard Lichtenberg von Berlin aussprach: "Draußen brennt die Synagoge. Das ist auch ein Gotteshaus!"

Die Last der Geschichte steht zwischen Juden und Christen.

Noch immer fehlen in der katholischen Kirche verbindliche Formen zur Erinnerung an den antijüdischen Terror vom November 1938. Als Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK rufen wir dazu auf, in der Kirche Rituale zu entwickeln, die an den Terror des November 1938 und den fehlenden Protest der Kirche erinnern. Warum läuten nicht am 9. November schon längst landesweit die Bußglocken?

Gerade weil die Zeit des Nationalsozialismus keine gemeinsam geteilte Erfahrung mehr ist, wenden wir uns als Mitglieder des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK ausdrücklich auch an junge Christinnen und Christen, sich mit ihren Emotionen,  Wertvorstellungen und Ideen an der Entwicklung einer solchen Erinnerungskultur zu beteiligen. Denn es gilt weiter, was wir vor 30 Jahren erklärt haben: "Im Guten wie im Bösen ist man von den Taten und dem Verhalten seiner Gemeinschaft mit betroffen. Dies gilt nicht nur für die Generation der ‚dabei Gewesenen‘, sondern für alle, für die die Scho’ah Bestandteil ihrer Geschichte ist."

Thomas Sternberg, Präsident des ZdK, unterstützt die Erklärung des Gesprächskreises und ruft anlässlich des bevorstehenden Jahrestags aus der 1988 vom Gesprächskreis "Juden und Christen" verabschiedeten Erklärung "Nach 50 Jahren – wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung?" in Erinnerung: "Weder die Zeit noch das Vergessen heilt unsere Wunden. Durch Verschweigen kommen wir uns nicht näher. (…) Doch die Schuld darf nicht nur nicht vergessen, es müssen auch Konsequenzen aus ihr gezogen werden. Schließlich ist mit dem Untergang des verbrecherischen NS-Regimes die Gefahr einer Wiederholung (wo und von wem auch immer) nicht gebannt. Der Abgrund, aus dem die Sünde kam, ist weiterhin vorhanden. Daher müssen wir in diesen Bereichen besonders achtsam und empfindsam sein."

Diözesanrat Daniel Noa kann sich ein Leben ohne jüdisch-christlichen Dialog gar nicht vorstellen. Warum, lesen Sie hier    
Lesen Sie weitere Statements zum Thema in der Sonderausgabe des ZdK-Magazins "Salzkörner" zum jüdisch-christlichen Dialog

Bei Deutschlandfunk Kultur können Sie verschiedene Beiträge zum Thema nachhören und nachlesen, z. B. einen berührenden Zwischenruf der Schriftstellerin Julya Rabinowich oder ein interview über Juden in der AfD.